Die Geschichte vom Elfenblut
(Johanniskraut)

Die Geschichte vom Elfenblut
Es war die Zeit der großen Schlachten um den rechten Gott, die am Rande des Ostharzes tobte. Die Christen versuchten vehement, die Heiden davon abzuhalten, Sonnenwendfeuer auf den Altären Wotans zu entzünden: "Auf diesen Teufelskanzeln werden nimmermehr die Götzenflammen zum Himmel steigen!", frohlockten die christlichen Priester, als man den Germanen die lichten Täler kämpfend abspenstig machte und sie endlich in die undurchdringlichen Wälder jagte. Am Ufer der Bode entstand das wehrhafte Kloster Wendhusen dort, wo jetzt die kleine Stadt Thale liegt. Und nördlich davon, an der "Teufelsmauer", erhielten die ruhmreichsten fränkischen Krieger Land zum Siedeln. Jene Flurstücke sollten gerodet und urbar gemacht werden, so dass sich der christliche Geist für alle Zeit im Harz verwurzeln würde. Einer jener Krieger, Johannes mit Namen, war des Kämpfens leid. Wie vieler Menschen Leben er im Namen des Herrn und im Auftrag Karls genommen hatte, vermochte er nicht mehr zu sagen. An diesem Ort wollte er nun endlich Ruhe und eine neue Heimat finden, um eine Familie gründen zu können. Zuvor aber musste der Wald der Wohnstatt weichen. Den ganzen Tag hieb er auf die Bäume ein, bis am Abend nur noch drei riesigen Eichen standen. Wie er sich aber unter diesen schlafen legte, schreckte er aus den Träumen hoch, hörte ein Wimmern und Schreien und sash bald in den Baumkronen seltsam silberne Lichter leuchten. "Beim Herrn im Himmel, was ist das für ein teuflichen Treiben?", schrie er und griff nach seiner Axt. - "All unsere Schwestern sind verschieden, nur uns zu töten hast du bisher vermieden. Wie willst du auf einem Mordplatz Frieden finden? Wie, mit dieser Schuld, ein neues Sein begründen?", hörte er sagen und die Lichter, die in den Baumkronen schwammen, verwandelten sich zu wunderschönen Frauenkörpern. Elfen waren es, die letzten ihrer Art. "Ach, ich ahnte doch nicht.....!", wehklagte Johannes und bekniete die lichtvollen Wesen, dass sie ihm doch bitte verzeihen mögen. "Ich schwöre, beim Blut meiner Ahnen, dass euch kein Leids getan wird, solang' ich lebe!". Und wie er's sagte, nahm er die Klinge seines Schwertes in die linke Hand, fasste fest zu und zug sie langsam aus seinem Griff heraus. Eine klaffende Wunde blieb in seiner Hand zurück, worauf ein Tropfen nach dem anderen den sandigen Boden netzte. Auch auf dem steinenen Altar, an dem bereits vor tausend Jahren die Alten jene Waldwesen beschenkten, füllte sich ein Näpfchen mit dem Blut des Mannes. "Es ist genug!", sagte da eine der Elfen, stand gleich als lichtvoller Geist vor dem Mann am Opferstein und nahm die blutende Hand des Kriegers in die ihre. Sofort heilte seine Wunde. Fassungslos betrachtete er seine Hand: Keine Narbe war geblieben. "Dein hoher Schwur - für alle Zeit - hat dich von deiner Schuld befreit!", flüsterte die Elfe andächtig und fügte hinzu, "Und hälst dich dran, kann kein Schattengeist an dein Herz heran!" So kam es, dass das Blut des Johannes allen Menschen zugute kam, denn überall, wohin es getropft war, wuchs ein wunderbares neues Kraut. Das vermehrte sich zusehends und wuchs bald überall dort, wo Menschen mit dem inneren Teufel, also ihren Schatten ringen. Johanniskraut ward es bald genannt und ist auch heute noch als Elfenblut bekannt. Noch heute fließt das Blut des Johannes in jeder Pflanze. Ihr werdet es bemerken, schneidet ihr das Kraut. Weshalb die kleinen Blätter so durchlöchert sind, erzählt eine weitere Legende: Der Teufel selbst soll in Gegenwart des Johanniskrauts nämlich all seine Kraft und Größe verlieren. In der Nähe einer solchen Pflanze wird er ein jedes Mal winzig klein. Hilflos soll er einst mit seinem Dreizack auf das Kraut eingestochen haben. Vielmehr aber, als die Blätter zu durchlöchern, vermochte er nicht!
(aufgeschrieben von Carsten Kiehne)

